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Metamorphose mit „RISE with SAP“?

Der Gesprächsbedarf zu „RISE with SAP“ ist nach wie vor hoch, das Für und Wider beschäftigt immer noch viele SAP-Anwenderinnen und -Anwender: Zeit für eine aktuelle Bestandsaufnahme seitens der DSAG. 

Thomas Henzler, DSAG-Fachvorstand Lizenzen, Service & Support
Thomas Henzler, DSAG-Fachvorstand Lizenzen, Service & Support

Im Februar 2021 hallte es wie ein Paukenschlag durch das SAP-Universum: „One Contract, One Price & Business Transformation as a Service”! Diese und noch einige andere Schlagwörter begleiteten das groß angekündigte „RISE with SAP“-Angebot, das SAP-Kunden auf ihrem Weg zu S/4HANA und in die Cloud unterstützen soll – alles im Einklang mit der radikalen Cloud-Strategie des Konzerns und der Ankündigung Christian Kleins, schon im Jahr 2025 80 Prozent des Umsatzes mit Cloud-Produkten zu machen. Oder in konkreten Zahlen ausgedrückt: Mit SAP in der Cloud sollen 2025 mehr als 22 Milliarden Euro Umsatz erzielt werden. Schätzungen für das laufende Geschäftsjahr hingegen sehen hier erst gut 9 Milliarden Euro Umsatz.

Was vom Paukenschlag übrig blieb

Über ein Jahr später wissen wir: Entgegen vielen Annahmen handelt es sich bei „RISE with SAP“ nicht um ein Produkt, sondern vielmehr um ein „Programm“, ein Produktbündel, bestehend aus mehreren Komponenten mit dem Kernstück S/4HANA Cloud. Hosting, Lizenzen und Support werden hierbei in einem kommerziellen Angebot zusammengefasst und auf Basis einer Subskription berechnet. Dabei wird zwischen S/4HANA Private Cloud und S/4HANA Public Cloud unterschieden. Zusätzlich erhält der Kunde ein so genanntes Cloud Platform Enterprise Agreement (CPEA), auf welchem je nach Subskription dem Umsatz entsprechende Credits gutgeschrieben werden. Davon wiederum können z. B. Business-Technology-Platform (BTP-) Services gemietet werden.

Bevorzugte Kundschaft: der Mittelstand

Primäre Zielgruppe sind vor allem mittelständische Kunden, die von diesem standardisierten Produktbündel profitieren sollen. Das „Alles-aus-einer-Hand-Prinzip“ soll die Anwenderinnen und Anwender dank eines zentralen SAP-Ansprechpartners entlasten. Mit Beginn des neuen Jahres gab es nun signifikante Änderungen im Pricing der Private-Cloud-Edition von S/4HANA. Drei Bestandteile wurden im PCE-Kontext verändert: Der Listenpreis für die PCE wurde erhöht, die Mindestabnahme für die Full-Use-Equivalent (FUE)-Nutzer wurde erhöht und im Standard erhält man nur noch eine Zwei-Systemlandschaft anstatt der bisherigen Drei-Systemlandschaft. Ob der Ansatz, diese Kundengruppen in eine Public-Cloud-Edition zu überführen, wirklich realistisch ist, steht dabei in den Sternen. Denn die Komplexität der Prozesse und der damit benötigte Funktionsumfang lassen sich nicht nur an der Größe der SAP-Anwenderinnen und -Anwender ausmachen.

Ein weiteres wichtiges Thema, das im Zusammenhang mit RISE häufig von DSAG-Mitgliedern nachgefragt wird, ist das Thema Support-Qualität. Hier erhalten wir zunehmend Rückmeldungen von RISE-Kunden, dass gerade im Mittelstand die Support-Wege der SAP viel zu komplex und langsam seien. Häufig scheitere es bereits daran, ob man einen Incident oder einen Change-Request anlege. Was bei vielen Partnerinnen und Partnern im Rahmen des Kunden-Services einfach durch den Dienstleister geändert wird, endet bei SAP scheinbar in langen Kommunikationswegen und dem mehrfachen Neuanlegen von Meldungen.

Auch an die Großen wird gedacht

Christine Grimm, DSAG-Fachvorständin Transformation
Christine Grimm, DSAG-Fachvorständin Transformation

Mit „RISE with SAP tailored“ wurde zudem eine weitere, neue Option für Großkunden geschaffen, um deren SAP-Landschaften maßgeschneidert in der Cloud abzubilden. Der Kunde hat dabei die Wahl, seinen RISE-Vertrag direkt von SAP zu beziehen oder indirekt über einen Partner. Welche Mehrwerte die eine oder andere Variante mit sich bringt, ist dabei sehr individuell, eines jedoch bleibt konstant: Die Frage nach dem Vertrauen in SAP als Cloud-Provider. So beziehen sich viele Fragen wie z. B. die Abhängigkeit zu SAP oder Preiserhöhungen für Cloud-Lösungen auf allgemeingültige Fragen in Sachen Cloud. Aus diesem Grund führte die DSAG Anfang 2020 eine Umfrage zur Cloud-Nutzung aus kommerzieller Sicht sowie eine gemeinsame Umfrage mit der ASUG durch. Die Ergebnisse beider Erhebungen spiegelten die vorhandenen Skepsis gegenüber SAP-Cloud-Produkten wider. 

Strategischer Schulterschluss mit IBM

Anfang Februar 2022 wurde die Kooperation mit IBM verkündet, die bis dato einzigartig sei: So ist laut SAP IBM der erste und einzige Partner, der den kompletten Stack für „RISE with SAP“ anbietet, von der Cloud-Infra­struktur über die Transformations-Services bis hin zum Application-Management von SAP in der Cloud. Aus Sicht der DSAG können wir dies gegenwärtig noch nicht beurteilen, werden die nächsten Wochen und Monate aber nutzen, um genauer zu hinterfragen, ob es sich tatsächlich um einen neuen Ansatz handelt oder ob Cloud-Lösungen einfach über IBM-Rechenzentren bereitgestellt werden.

DSAG hat reagiert

Im Laufe des letzten Jahres hat sich innerhalb und außerhalb der DSAG vieles beim Thema „RISE with SAP“ getan. Kurz nach Bekanntgabe wurde innerhalb des DSAG-Ressorts Lizenzen, Service & Support eine Arbeitsgruppe im Arbeitskreis des Kern-Teams Lizenzen gebildet. In wenigen Monaten wurden gemeinsam mit SAP diverse Themenblöcke besprochen und anhand fiktiver Unternehmen Modellrechnungen erstellt. Am 25. Januar 2022 fand genau dazu ein Roundtable beim DSAG-CIO-Kreis statt: Mit einem Kundenvortrag von Frosta und einer Vorstellung der angesprochenen Modellrechnungen. Das Feedback war sehr positiv und die Teilnehmer wünschen sich eine zeitnahe Wiederholung – sprich, der Bedarf nach Informationen und Modellrechnungen ist immer noch hoch.

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Bei den Umfrageteilnehmenden der DSAG ist die Vertrautheit mit „RISE with SAP“ ausbaufähig.

Anwender müssen weiter überzeugt werden

Zu viele Fragezeichen halten auch das DSAG-Ressort Transformation auf Trab. Insbesondere das Thema Cloud oder On-Prem beschäftigt die Unternehmen: In einer aktuellen Umfrage bestätigen 80 Prozent, 2022 oder 2023 mit der Reise nach S/4HANA zu beginnen. Allerdings würden sich weniger als 20 Prozent für die Cloud-Version entscheiden.

Neben den rein kommerziellen Komponenten sollte aber eigentlich das Thema „Business Transformation as a Service“ im Fokus stehen. Die DSAG-Mitgliedsunternehmen waren gespannt, wie SAP die hochkomplexen Herausforderungen einer Transformation in ein S/4HANA-Ecosystem lösen würde. Denn letztlich ist jeder Transformationsprozess ein umfassender, vielschichtiger Change-Prozess, quasi die „Metamorphose“ eines Unternehmens. Sie bewirkt einen fundamentalen Wandel, der wiederum Strategie, Kultur und Organisation betrifft. Diese Herausforderungen in ihrer ganzen Komplexität gilt es zu verstehen und zu begleiten. Hierzu müssen kompetente Partner den Wandel auf Augenhöhe mit den Kundenunternehmen individuell erarbeiten, greifbar und damit umsetzbar machen. Transformationen sind sehr volatile, agile Prozesse, und Unternehmen weisen in der Regel heterogene Reifegrade und unterschiedliche Historien auf.

Aus diesem Grund ist es nach wie vor schwer zu verstehen, wie ein „Business-Transformation-as-a-Service-Paket“ diese Komplexität „lichten“ soll. Die Botschaft von SAP scheint für die DSAG-Mitgliedsunternehmen zu einfach. Der Glaube an die Wirksamkeit über das reine Marketing hinaus scheint nicht gegeben, wie auch die DSAG-Umfrageergebnisse von 2020 gezeigt haben. An dieser Stelle erwarten wir von SAP mehr Klarheit. Nicht Business-Transformation-as-a-Service, sondern Business-Transformation auf Augenhöhe ist gefordert.

Bildnachweis: DSAG/iStock

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Christine Grimm, DSAG-Fachvorständin Transformation

Autorin: Christine Grimm
DSAG-Fachvorständin Transformation

Thomas Henzler

Autor: Thomas Henzler
DSAG-Fachvorstand Lizenzen, Service & Support