„Das Beste aus beiden Welten“

Bild: Strand mit Möve

Wenngleich Cloud-first immer mehr zum Schlagwort wird, so zeigt sich, dass die meisten Unternehmen hybrid unterwegs sind. Welche Herausforderungen damit einhergehen, erläutern die DSAG-Fachvorstände Michael Moser und Thomas Henzler.

Herr Moser, Herr Henzler, was verstehen Sie unter hybrid?

Michael Moser: Hybrid bedeutet für mich, dass IT-Applikationen im eigenen Rechenzentrum (On-Premise) kombiniert mit IT-Applikationen in der Cloud betrieben werden. Somit läuft ein Teil der Geschäftsprozesse eines Unternehmens in On-Premise-Applikationen und ein anderer Teil in Cloud-Applikationen. Aber auch eine Kombination aus On-Premise und Cloud innerhalb eines Geschäftsprozesses ist denkbar.

Thomas Henzler: Für mich steht hybrid für das Beste aus zwei Welten. Auf der einen Seite bedeutet es klassisch On-Premise für produktionskritische Daten und Systeme, wo ich z. B. nur geringe Latenzen haben darf. Auf der anderen Seite bedeutet hybrid mit der Cloud-Welt schnelle Innovationszyklen, die es ermöglichen, flexibel zu skalieren. Auch eröffnet die Cloud mir zusätzliche Möglichkeiten wie künstliche Intelligenz oder Machine-Learning, welche ich mit meiner On-Premise-Welt verbinden kann. Hybride Szenarien sind ideal, wenn es darum geht, schützenswerte Daten sicher im eigenen Haus zu halten und gleichzeitig schnell entsprechend der Unternehmensanforderungen skalieren zu können oder auch neue Dinge auszuprobieren, wie z. B. Machine-Learning-Szenarien.

Wo wäre man Ihrer Meinung nach mit der Cloud besser unterwegs als hybrid oder On-Premise-only?

Thomas Henzler ist seit 2019 Sprecher des CIO-Kreises. Er war bei der Projektgruppe zur DSAG-Organisationsentwicklung beteiligt. Seit 2020 ist er DSAG-Fachvorstand für den Bereich Lizenzen & Wartung. Hauptberuflich ist Thomas Henzler als CIO beim Maschinenbauer Piller Blowers & Compressors GmbH tätig.

Henzler: Commodity-Systeme, die absoluter Standard sind, lassen sich oft viel günstiger und besser extern einkaufen in Form von Cloud-Systemen. Das betrifft z. B. das Customer-Experience-Portfolio (CX), Customer-Relationship-Management oder Service-Tools. Wenn ich diese Bereiche außer Haus gebe, muss ich mich nicht um den Betrieb kümmern und kann mich auf die inhaltlichen Themen Richtung Business-Anforderungen fokussieren. Solange wir unsere individuellen Entwicklungen noch nicht Cloud-fähig haben, ist es wichtig, eine Plattform zu haben, auf der wir diese Systeme weiter On-Premise betreiben und Cloud-fähig machen können. Ich glaube nicht, dass die Cloud irgendwann On-Premise komplett ablösen wird. Wir werden aber auch nicht alles wieder aus der Cloud zurückziehen. Beide Welten werden neben- und miteinander existieren.

Welche Herausforderungen bringen hybride Landschaften?

Henzler: Hybride Szenarien erhöhen die Komplexität. Einerseits beim Betrieb. Heute betreibe ich z. B. mein SAP-ERP-System On-Premise selbst, habe mein eigenes SAP-Monitoring On-Premise und dann nehme ich Cloud-Systeme hinzu. Auf einmal habe ich die Business-Technology-Plattform in Form der SAP Cloud Platform im Einsatz und muss Workloads überwachen, die ich ausgelagert habe. Ich muss also auch mein Monitoring hybrid aufbauen. Hier komme ich bei dem Ansatz eines ganzheitlichen Monitorings mit nur einem System an die Grenzen des Möglichen.

Michael Moser ist seit September 2019 Fachvorstand Produktion & Supply Chain Management. Zudem ist er Mitglied im DSAG-CIO-Kreis und im Arbeitskreis S/4HANA. Hauptberuflich ist Michael Moser seit 2016 als CIO bei der Käserei Champignon Hofmeister GmbH & Co. KG tätig.

Moser: Hauptthema sind die zwei Geschwindigkeiten. Wer wirklich hybrid lebt, hat auch für seine On-Premise-Welt andere Innovationszyklen. Das hat insbesondere Auswirkungen auf produktionsnahe Applikationen und die Entwicklung von Maschinen. Denn die Release-Zyklen von Maschinen sind noch ganz andere. In der Regel gibt es einen großen Bestand an Altsystemen, die vielleicht alle zwei, drei Jahre ein Update bekommen. In der On-Premise-Welt war ich nicht gezwungen, jährlich zu aktualisieren. Gleichzeitig ändern sich die Herausforderungen, was die vertikale Integration anbelangt. Ob es das Hochregallager oder die Maschinendatenanbindung ist: Die Unternehmen müssen mit höheren Sicherheitsrisiken umgehen. In einer reinen On-Premise-Welt konnte ich mich relativ gut abschotten. Durch die Integration der diversen Applikationen in einer hybriden Welt warten neue Herausforderungen mit z. B. vielen VPN-Tunnels. Sicherheit ist in einer hybriden Welt viel komplexer zu managen.

Henzler: Insgesamt ist die Integration herausfordernd. In meinem Cloud-System bekomme ich jedes Quartal ein Update. Mein S/4­HANA On-Premise aktualisiere ich vielleicht nur einmal im Jahr oder auch alle zwei Jahre über die großen Jahres-Releases. Die Integrationsszenarien für die Cloud-Systeme werden jedoch kontinuierlich ausgeliefert und mein S/4HANA ist dann vielleicht zu veraltet, um diese Integrationsszenarien mit den aktuelleren Cloud-Systemen durchzuführen. Unternehmen sind gezwungen, parallel ihre On-Premise-Systeme in einem relativ engen Zyklus nachzuziehen, damit die verbesserten Integrationsszenarien genutzt werden können.

Stichwort: Lizenzen. Was müssen Unternehmen mit hybriden Szenarien bei diesem schwierigen Thema beachten?

Henzler: On-Premise bin ich überwiegend in einem Kauf- und Wartungsmodell unterwegs, und in einem Cloud-Umfeld muss ich mich mit Subscriptions auseinandersetzen. In hybriden Landschaften wird es schwieriger, den Überblick, z. B. über die Gesamtbetriebskosten eines Prozesses, zu behalten. Wenn sich z. B. der Lead-to-Cash-Prozess hybrid durch mehrere Systeme zieht, habe ich unterschiedliche Lizenzmodelle von Kauf mit Wartung bis zu Subscriptions, die ich aufwendig verwalten muss. Zudem sind die Lizenzvermessung und die -verwaltung in der Cloud auch innerhalb des SAP-Portfolios unterschiedlich geregelt. Gleichzeitig müssen die Systeme in den hybriden Landschaften auch alle legalen Anforderungen erfüllen, was für mich in das Thema Wartung hineinspielt. Das kann ich bei Cloud und On-Premise nicht vergleichen.

Moser: Wesentlich ist auch das Thema Doppellizenzierung. Mit diversen Cloud-Lizenzen haben Unternehmen zumindest ein Zugriffsrecht auf bestimmte On-Premise-Lösungen. Doch die Definition, welche Nutzungsrechte man wirklich mit welcher Cloud-Lizenz hat, ist sehr heterogen und ändert sich laufend. Wenn Mitarbeitende aus dem Unternehmen ausscheiden, habe ich bei Cloud-Systemen einen höheren Druck, die Daten zeitnah zu aktualisieren, um nicht unnötig Subscriptions zu bezahlen. Statt einer monatlichen Tätigkeit wie vielleicht in einer On-Premise-Welt ist das Lizenzmanagement zu einer täglichen Arbeit geworden.

Henzler: Wenn ich eine Lizenz mal nicht direkt entziehe und die Cloud-Systeme sind via Web erreichbar, habe ich gleich ein Security-Thema. Somit wächst in einer hybriden Landschaft auch die Bedeutung von Identity- und Access-Management. Insgesamt sollten Lizenzen und damit auch Cloud-Lizenzen vom Vertragswerk her einfach zu konsumieren und transparent sein. Sie sollten so sein, wie man es von Office 365 kennt: einfach zu aktivieren und gut zu skalieren.

Was setzen Sie in Ihren Unternehmen bereits hybrid um und was planen Sie in der näheren Zukunft umzusetzen?

Henzler: Wir sind bereits in sehr vielen Prozessen hybrid unterwegs, u. a. im Personalwesen. Unser führendes System im Personalwesen ist SuccessFactors. Hier nutzen wir das Employee Central & Recruiting. Was die Payroll und die Zeitwirtschaft anbelangt, sind wir On-Premise im SAP Human-Capital-Management (HCM) unterwegs. Beide Systeme sind über die Cloud-Platform-Integration verbunden und tauschen Daten aus. Auch sind Drittanbieteranwendungen aus dem SAP-App-Store integriert, wie z. B. eine digitale Personalakte. Ein weiteres Szenario haben wir im CX-Umfeld. Ein Großteil unserer Sales-Prozesse werden mittels CX (ehemals C/4HANA) abgebildet. Dabei werden aber alle gängigen Objekte mit S/4HANA repliziert, wie z. B. Angebote, Aufträge und Materialstämme. Auch haben wir mit Leonardo IoT einen SAP-Cloud-Service hybrid an die Service-Cloud sowie an S/4HANA angebunden.

Moser: Wir haben eine relativ ähnliche Situation. Die Personalprozesse laufen hybrid. Zusätzlich haben wir noch hybride Szenarien beim Reisemanagement, beim Customer-Relationship-Management, bei den Planungsprozessen und bei S/4HANA. Beim Reporting setzen wir auf ein SAP-On-Premise-Data-Warehouse und die SAP Analytics Cloud als Reporting-Lösung, deren Daten wir On-Premise halten, aber in der Cloud visualisieren. Angedacht ist ein hybrides Szenario im Produktionsumfeld, wo wir Daten On-Premise verarbeiten, um die Produktionsdatenanalyse in der Cloud durchzuführen.

Welche Rolle spielen SAP, andere Hyperscaler sowie Third-Party-Produkte in der hybriden Landschaft Ihres Unternehmens?

Moser: Wir kommen aus einer sehr heterogenen, hybriden Welt mit vielen Subsystemen, die wir immer stärker zentrieren möchten. Deshalb fokussieren wir uns sehr stark auf SAP- und Microsoft-Produkte.

Henzler: Bei uns im Unternehmen haben wir zwei strategische Partnerschaften: SAP und Microsoft. Das ist auch dem geschuldet, dass wir begrenzte Kapazitäten in unseren IT-Abteilungen haben und uns deshalb für technologische Stacks entschieden haben. Im klassischen Server-Bereich setzen wir stark auf Microsoft Azure. Dies fängt beim Server-Betrieb an und geht bis zu BW/4HANA, das wir auf Azure als On-Premise-Lizenz hosten und mit der SAP Analytics Cloud verbinden. Für künstliche Intelligenz, Machine-Learning oder Internet-of-Things nutzen wir Services von Microsoft und SAP. Entscheidend ist für uns in der hybriden Landschaft das API-Management. Deshalb ist es umso wichtiger, dass sich SAP weiter öffnet, damit wir die ganzen Lösungen vernünftig kombinieren können.

Die DSAG positioniert immer wieder: Cloud-first ja, Cloud-only nein. Inwiefern und wo ist Cloud-only für Sie keine Option?

Moser: In bestimmten Teilbereichen ist Cloud-only durchaus eine Option. Im Commodity- oder im CX-Bereich kann ich mir das vorstellen. Aber das Produktionsumfeld ist für mich derzeit noch ein reiner On-Premise-only-Bereich. Insbesondere dann, wenn es um Latenzen und um die Steuerung von Prozessen, Maschinen und Anlagen in Abhängigkeit der geografischen Lage des Unternehmens geht. Es gibt viele Industrieunternehmen an Orten, wo die Infrastruktur einfach noch nicht weit genug ist für hybride oder Cloud-only-Szenarien.

Henzler: Prozessual betrachtet stimme ich Michael Moser und seinen Aussagen zu. Bei der Hochregalansteuerung zum Beispiel kann ich mir Cloud-only nicht vorstellen. Das Gleiche gilt für Prozesse mit schützenswerten Informationen wie Entwicklungsdaten.

Was müsste SAP tun, um die Unternehmen auf dem Weg in hybride Welten aus Anwendersicht besser zu unterstützen?

Moser: SAP und das SAP-Ökosystem, also auch die Beratungsunternehmen, haben, was hybride oder Cloud-Szenarien anbelangt, noch Aufholbedarf bei den neuen SAP-Technologien. Hier könnte noch mehr Know-how aufgebaut und in die Unternehmen transferiert werden.

Henzler: Über das SAP-Consulting hinaus sehe ich vom Produkt-Management aus zwei wichtige Bausteine. Zum einen wird die Integration ernster genommen, was für mich eine Voraussetzung für hybride Welten ist. Zum anderen spielen Referenzarchitekturen für unterschiedliche Branchenlösungen eine wichtige Rolle. Hier kann und muss das Thema Referenzarchitektur stärker fokussiert werden. Es fehlt Klarheit, welche Prozesse SAP hybrid denkt, welcher Prozess in welchem System spielt und wie was sauber integriert werden kann. Hier fehlt, wie sich SAP einen Prozess Ende-zu-Ende vorstellt, mit welchen Systemen, was Cloud-only und was On-Premise abgebildet werden soll. Das ist auch für den Investitionsschutz wichtig.

Moser: Ich hätte gerne eine Referenzarchitektur für das Lizenzmodell – insbesondere, wenn man hybrid unterwegs ist, um Doppellizenzierungen zu vermeiden. Es wäre wünschenswert, dass Unternehmen, die nur Teile einer Engine nutzen, auch nur diese lizenzieren müssen.

Was raten Sie Unternehmen, die sich hybrid aufstellen wollen?

Moser: Ich würde raten, zunächst mit einem einfachen Use-Case und einem Teilszenario in die Cloud zu gehen. Dort lassen sich dann Erfahrungen sammeln, was technologische und lizenztechnische Aspekte anbelangt. Wenn sie sich sicherer fühlen, wie sich etwas hybrid verhält, lässt sich der hybride Fußabdruck sukzessive erweitern.

Henzler: Mit Integrations-, Lizenzierungs-, Betriebs- und Prozesssichten sowie rechtlichen Aspekten im Hinterkopf ist es sinnvoll, erst einmal einen überschaubaren Use-Case zu schaffen. Nur so bekommt man ein Gefühl dafür, was möglich ist und welche Auswirkungen es hat. In dem Zuge ist es natürlich auch wichtig und notwendig, dass SAP mehr in Testsysteme investiert, damit sich die Kunden mit möglichen Szenarien konkret auseinandersetzen können.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Bildnachweis: iStock, DSAG Das Gespräch führte

Julia Theis

Autorin: Julia Theis
blaupause-Redaktion
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