Unser Gehirn in der Version 2013 basiert auf einem 30.000 Jahre alten Modell. Facelifts oder Upgrades sind seitdem ausgeblieben. So konnten Denkfallen entstehen, aus denen wir uns befreien müssen. Indem wir das Denken einfach überdenken. Es macht sich bezahlt!

20.000 Entscheidungen treffen wir täglich. Doch nur die wenigsten davon sind ratio­nal und ökonomisch. Dabei lassen sich dem Hirnforscher Gerhard Roth zufolge mehrere Arten unterscheiden: erstens Entscheidungen unter Zeitdruck. Da gibt es die routinemäßigen (automatisierten) und die affektiv-impulsiven Entscheidungen (Bauch­entscheidun­gen I). Außerdem die Entscheidungen ohne Zeitdruck. Da wird unterschieden zwischen rein emotionalen (Bauchentscheidungen II) und logisch-rationalen sowie intuitiv aufgeschobenen Entscheidungen. Auto­matisierte und routinemäßige Entscheidungen sind schnell und präzise sowie unemotional aufgrund von Vorerfahrungen und Einübung. Vor allem sind sie nicht stressanfällig. Sie können immer so­fort entscheiden, wie viele Stück Zucker Sie in den Kaffee wollen. Aber das routi­nierte He­rangehen macht diese Entscheidungsmuster unflexibel. Auch passen sie nur zu bestimm­ten Problemsituationen und versagen bei neu­artigen Gegebenheiten. Wenn es nur Tee gibt, hilft die Kaffee-Zucker-Entscheidung nicht die Bohne. Im Kopf geht das in den Basalganglien vor sich. Diese bil­den eine Art Hand­lungsgedächtnis, speichern alle Handlungen, die erfolgreich ausgeführt wurden, und steu­ern unsere Gewohnheiten. Sozusagen ent­scheiden, ohne nachzudenken.

Kaufentscheidungen sind stark egozentrisch

Der Vorteil einer weiteren Art des unreflektierten Entscheidens, der affektiv-im­pul­­siven Entscheidungen unter Zeitdruck (Bauch­­entscheidungen I), ist die Geschwindig­keit. Der Nachteil: durch den Affekt ist der Entscheidungs- und Handlungsraum durch starke Ge­fühle und Stress sehr eingeengt. Das Prinzip beruht auf genetisch bedingten Reaktionen und ist unflexibel und starr. Eine wei­tere Spielart ist die emotionale Entschei­dung ohne Zeitdruck (Bauchentscheidungen II), das Sorgen­kind der Werbung. Denn das sind z. B. Kaufentscheidungen, die auf unbewuss­ter und bewusster emotionaler Konditionierung basieren. Auch hier wird nicht nachgedacht. Aber die Mischung von bewusst und un­bewusst führt dazu, dass einem die Motive nie wirklich klar sind. Zudem wirken die Ent­scheidungen nur kurzfristig und sind stark ego­zentrisch. Und schließlich gibt es die logisch-rationalen Entscheidungen. Hier wird systematisch abgewogen und die ökonomischen Prinzipien von Gewinnmaximierung und Risi­ko/Verlust-Minimierung wer­den genutzt. Das ist speicherintensiv im Ge­hirn. Die Ressourcen dafür sind limitiert und daher nur für we­niger komplexe Situationen geeignet. Und diese Entscheidungsfindung ist stressanfällig.

Der mentale CEO lässt sich trainieren

Also: Überlegen macht überlegen. Aber dafür braucht es das Arbeitsgedächtnis, den Hauptsitz des bewussten Denkens. Sein Erfolgsgeheimnis: es kann nichts speziell gut, aber die anderen Gehirnregionen zur Zusam­menarbeit bringen. Kurz: da sitzt ein men­ta­ler CEO. Mit ihm verstehen, urteilen, schät­zen, schlussfolgern und entscheiden wir. Das Ar­beitsgedächtnis lässt sich trainieren. Zwar nicht durch Sudoku, Gehirnjogging und Ähn­liches. Aber richtig durchgeführt, kann Gehirntraining tatsächlich den „Denkmuskel“ ver­bessern. Also: will­kommen beim Weiter-Den­ken. Wer ein trai­niertes Arbeitsgedächt­nis hat, kann schneller Probleme lösen, effek­­tiver lernen und sicherer entscheiden.

Wenn beim untrainierten Denker das bewuss­te, kritische Denken schnell aufgibt, greif­en zwei andere Mechanismen: die „schnelle Mus­terbildung“ und die „emotionalen Etiketten“. Bei Ersterem sind unsere Sinne permanent auf der Suche nach Mustern und Organisation, damit die Welt um uns herum eben „Sinn macht“. Die Muster halten uns vom ständigen Neu-Analysieren ab und geben ein schnelles Verständnis und einfach nachvollziehbare Er­klärungen über unsere Um­welt, die Mitar­bei­ter­motivation, das Kundenverhalten etc. Der be­rühmte erste Eindruck ist eine solche Mus­ter­erkennung. Einmal gebildet, ist er nur schwer wieder abzulegen. Beim zweiten Me­cha­nismus klebt das Gehirn emotionale Etiket­ten an je­de Information, die es speichert. Das heißt, jede Information wird per Emotion be­wertet, ob sie und ihre Konsequenz „gut“ oder „schlecht“ ist. Darum ekeln wir uns z. B. vor Schlangen, auch wenn sie nur aus dem Augen­winkel heraus wahrgenommen werden. Um bei ge­nauerer Betrachtung festzustellen, dass es sich nur um einen Stock handelt.

Keine Facelifts und Updates für das Gehirn

Die beiden Mechanismen führen uns oft in Fehldeutungen und Wahrnehmungs­ver­zer­rungen. Das kommt daher, dass unser Ge­hirn in der aktuellen Version 2013 ein Modell von vor 30.000 Jahren ist. Seitdem gab es keine Facelifts und keine Upgrades. Das Leben hat sich zwischenzeitlich tendenziell sehr verändert. Aber das Gehirn nutzt immer noch die gleichen Muster wie in der Vorzeit: erst schießen, dann fragen. Einst hat dieser Prozess das Überleben in der Natur gesichert, heute führt er uns im Handyladen oder beim Autokauf in die Sackgasse. Wer kennt das nicht: Es soll eine Entscheidung getroffen werden und verschiedene Alternativen stehen zur Auswahl. Wir lieben es, uns alle Möglich­keiten offenzuhalten. Stadtmenschen kaufen sich Sport Utility Vehicles (SUV), für den Fall, dass sie überraschenderweise auf dem Weg zur Arbeit mal ein Flussbett durchqueren müssen. Die meisten kennen das als „viele Eisen im Feuer halten“. Und es ist so: Wenn die Gefahr besteht, eine Option zu verlieren, wird sie für uns attraktiver. Dafür investieren wir sogar mehr, als gut für uns ist. Wir leben nach der Devise: Mehr Auswahl, mehr Infor­mation ist immer besser. Die Wahl zu haben, alles machen und sein zu können und zu er­reichen – das ist jedoch keine Wahl, sondern ein hoher Preis, den wir bezahlen, damit wir uns alle Türen offen halten können.

Das Denken überdenken macht sich bezahlt

Dabei geraten wir immer wieder in Denk­fallen. Entscheidungen, bei denen wir bereits investierte Zeit, Energie und Geld als Begründung für weitere Investments nehmen, kennen wir alle. Und überall lauern Denk­fallen, wie z. B. der Effekt der versunkenen Kosten. Egal ob bei der Projektbesprechung oder der Finanzplanung. Der Effekt kommt je­des Mal in einem nahezu identischen sprach­lichen Kleid daher: „Jetzt haben wir schon so viel in das Projekt investiert, jetzt müssen wir das auch durchziehen.“ Daneben kommt noch eine weitere Denkfalle zum Tragen: die Verlust-Aversion. Haben wir uns für etwas en­gagiert, zögern wir, davon Abstand zu nehmen, weil wir den Verlust des Investments fürchten. Wir haben eine eingebaute Tendenz, Risiken zu vermeiden. Egal, ob wir dadurch einen höheren Schaden davontragen, als wenn wir das Risiko bewusst kalkulieren würden. Den Denkfehler machen wir immer dann, wenn wir viel Energie, Geld oder Gedanken investiert haben. Wir ziehen das Investment als Begründung für unser Festhalten heran und verschwenden so noch mehr Energie, Geld oder Gedanken, nur damit das ursprüngliche Investment nicht umsonst war. Dabei sollten wir das Gegenteil denken: Das Investierte ist weg, egal was wir als Nächstes machen. Da­her wäre es sinnvoll, die Situ­ation so zu betrachten, als hätte man noch nichts investiert. Nur dann lässt sich rational entscheiden, ob ein Weitermachen lohnt. Wer hier in die Ver­gangenheit schaut, zahlt drauf! Also: das Denken zu überdenken macht sich bezahlt!

Bildnachweis: istockphoto, Naughton

Sie möchten alles lesen?
Der vollständige Artikel ist DSAG-Mitgliedern vorbehalten.

Das DSAG-Mitgliedermagazin blaupause erscheint drei Mal im Jahr. Es liefert seit 2005 eine Nahaufnahme der wichtigsten Diskussionspunkte in der DSAG. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin kostenlos als Print- und/oder Online-Version. Als DSAG-Mitglied loggen Sie sich einfach über den orangen "Anmelden"-Button oben auf der Seite ein und schon haben Sie Zugriff auf alle blaupause-Inhalte.

Sie sind noch kein DSAG-Mitglied? Informationen zu den Vorteilen einer DSAG-Mitgliedschaft erhalten Sie hier.


0 Kommentar(e)
0
(0) Bewerten Sie diesen Artikel

3-13

Mitgliedermagazin
blaupause

Als DSAG-Mitglied erhalten Sie automatisch Zugang zum DSAG-Mitgliedermagazin blaupause. Ob in gedruckter Form und/oder als Online-Ausgabe. Legen Sie es ganz einfach selbst in Ihrem Mitgliederprofil im DSAGNet fest.

Zum Mitgliedermagazin