Vollen Durchblick schaffen Fielmann-Produkte bereits seit 1972. Nicht ganz so alt sind die eingesetzten SAP-Systeme, aber mehr als 20 Jahre haben einige Module schon auf dem Buckel. Zeit für den deutschen Marktführer in der Augenoptik, auch mittels einer Cloud-first-Strategie und neuen S/4HANA-­Systemen Schwung in die bestehende IT-Landschaft zu bringen. Und damit der nicht ausgeht, begleitet Thorsten Düvelmeyer, Product Owner SAP Cloud Technology, das Projekt seit Anfang 2020.

Jede zweite Brille auf Deutschlands Straßen kommt aus einer Fielmann-Niederlassung, fast jeder kennt den Unternehmensslogan „Brille: Fielmann“. So wundert es nicht, dass das aus Hamburg stammende Familienunternehmen selbst im Pandemiejahr 2020 seine Marktanteile in allen relevanten Märkten verteidigen oder ausbauen konnte. Für mehr Innovation und weiteres Wachstum soll auch die IT-Infrastruktur sorgen. Und genau deshalb stehen Cloud-Lösungen, Internationalisierung und Ausbau des E-Commerce ganz oben auf der Agenda.

Alte IT-Landschaft mit wenig Durchblick

Die dafür notwendige Frischzellenkur der teils veralteten IT-Landschaft hat bereits 2018 begonnen. Erste Digitalisierungserfolge sind z. B. der „Fielmann Finder“, mit dem mittels Virtual Reality Sonnenbrillen „aufgesetzt“ und direkt bestellt werden können: „Dabei bieten wir mit der Fielmann-Fit®-Technologie eine Weltneuheit: Sie vermisst das Gesicht anhand von über 18.900 Messpunkten und gleicht die anatomischen Daten mit der ausgewählten Sonnenbrille ab. So kann genau vorhergesagt werden, wie gut die Sonnenbrille sitzt“, erklärt Thorsten Düvelmeyer, Product Owner SAP Cloud Technology.

SAP Business Technology Platform (SAP BTP)

Die SAP Cloud Platform (SCP) ist einer der wichtigen Grundpfeiler der SAP Business Technology Platform (BTP). Ihre Integrations- und Erweiterungsfunktionen stehen jetzt als Services zur Verfügung, die auf SAP BTP ausgeführt werden. Diese Funktionen werden nun als SAP Integration Suite und SAP Extension Suite bezeichnet

Der SAP-Spezialist kam im April vergangenen Jahres zum Marktführer mit seinen rund 900 Niederlassungen in Kontinentaleuropa. Seitdem unterstützen er und ein mehrköpfiges Team, Systeme und Services zu modernisieren und zu digitalisieren. „Die vielen Individuallösungen und historisch gewachsenen Systeme waren teilweise schlicht nicht mehr zeitgemäß und technisch auch nicht mehr in der Lage, digitalisierte Lösungen und Services zu realisieren, etwa Standard-SAP-Fiori-Apps für verschiedene Fachbereiche sowie eigene Apps, um unsere unternehmensweiten Prozesse optimal und zukunftsorientiert zu unterstützen“, fasst Thorsten Düvelmeyer zusammen.

IT ist heute Wegbereiter, kein Kostentreiber

Neuerungen in der IT-Landschaft gehören nun also genauso zum Tagesgeschäft wie die Tausenden von Brillen, die das Unternehmen täglich verkauft. Bereits seit 2019 führt Fielmann im Greenfield-Ansatz neue S/4-Systeme ein: Für die Logistik zum einen ein Extended Warehouse Management (EWM), für Sales & Distribution (SD), Finance (FI) und Material Management (MM), zum anderen ein S/4 Enterprise Resource Planning (ERP). „Wir haben uns bewusst für einen Greenfield-Ansatz entschieden, da wir keine schlichte Kopie alter Prozesse zum Ziel hatten, sondern komplett neue Prozesse aufbauen wollen“, erklärt der Cloud-Experte.

So geschehen in Produktion und Logistik, die im brandenburgischen Rathenow angesiedelt sind. Dort werden im Zweischichtbetrieb im Schnitt pro Tag mehr als 19.000 Gläser und mehr als 59.000 Aufträge abgewickelt. „Insgesamt haben wir 2019 etwa 4,8 Millionen Gläser aller Veredelungsstufen produziert und 8,3 Millionen Brillenfassungen ausgeliefert. Dank der neuen S/4HANA-Systeme konnten wir in Lager und Fertigung die Prozesse für den E-Commerce in Deutschland aufbauen und weitgehend automatisieren“, freut sich Torsten Düvelmeyer. „Damit haben wir gezeigt, dass die IT kein reiner Kostenfaktor, sondern ein Enabler für die Zukunft ist.“

Die Services der BTP bieten heute schon zahlreiche gute und innovative Möglichkeiten für eine hybride Architektur. Unser Set-up ist umgesetzt. Trotz einiger offener Punkte ist jetzt ein sehr guter Zeitpunkt, um mit der SAP Cloud zu starten, damit wir die Technologien in zwei bis drei Jahren professionell beherrschen.
Thorsten Düvelmeyer
Product Owner SAP Cloud Technology
Enterprise Trial als bester Startpunkt für Cloud-only

Der Weg in die hybride IT-Umgebung begann im Herbst 2020, aber im Kleinen. Oder besser gesagt klassisch mit einem Use-Case, der übersichtlich war und als Leuchtturm dienen soll. „Wir hatten hier das Glück, dass wir im Rahmen des SAP Business Technology Platform (BTP) Enterprise Trial – ein zusätzlicher neuer Service zum Standard Trial – mit einem zentralen Ansprechpartner seitens SAP optimale Unterstützung erhielten. So konnten wir drei Monate ausreichend testen und ausprobieren und zum Go-live Anfang 2021 direkt produktiv arbeiten“, erinnert sich Thorsten Düvelmeyer an den Start.

Als sinnvollen Use-Case identifizierten er und sein Team das übergreifende Business-Monitoring bei Fielmann, das über alle Prozesse und Anwendungen mit SAP-Daten aus u. a. S/4HANA oder SAP EWM versorgt werden muss und „somit optimales Cloud-Potenzial versprach“, berichtet der Experte. „In dem Proof-of-Concept (PoC) haben wir mit Hilfe des SAP-Cloud-Application-Programming (CAP)-Models einen Service erstellt. Dieser spricht über den Cloud-Connector die SAP-Backend-Systeme an und stellt die Daten aus den Systemen für den IT-Leitstand und andere Dashboards bereit.“

Aller Anfang war leicht

Und die Strategie hat sich ausgezahlt: Auf Basis der erfolgreichen Tests sind weitere Schritte mittlerweile fixiert, schließlich will Deutschlands Augenoptiker Nummer Eins bis 2024 seine Cloud-first-Strategie im Bereich SAP vollständig umgesetzt haben. „Zunächst werden wir die Cloud-Integration weiter vorantreiben, so dass am Ende unsere komplette Integrationslandschaft in der SAP BTP abgebildet wird“, erklärt Thorsten Düvelmeyer. IT-seitig nutzt das Team rund um den Cloud-Experten dafür die Integration Suite in der SAP-Cloud.

Mut zur Veränderung

„Ein nächster, wichtiger Schritt bis Mitte 2021 ist es, eine anwenderfreundliche User-Experience zu etablieren, so dass die vielen unterschiedlichen Anmeldungen zu verschiedenen Systemen wie Back-Ends, Cloud- oder Fiori-Apps endlich Geschichte sind. Die sichere Authentifizierung ist dabei natürlich inklusive“, sagt Thorsten Düvelmeyer. Der zentrale Zugangspunkt für die Nutzer wird ein System-übergreifendes Fiori-Launchpad in der BTP sein. Ebenfalls Rechnung trägt der hybride Ansatz der neuen Unternehmensstruktur, die vertikale Bereiche vorsieht: Hier stehen cross-funktionale Teams im Fokus, die dank der neuen S/4HANA-Systeme agil und lean arbeiten.

Klassisch macht Platz für agil

Im Moment stehen Düvelmeyer und sein Team aber noch vor der Herausforderung, bisher etablierte Methoden in den Fachabteilungen zu überarbeiten bzw. das neue Arbeiten stärker in den Köpfen der Mitarbeiter zu verankern: „Derzeit arbeiten wir noch etwas zu zäh, etwa beim Codieren: Anforderungen kommen über viele verschiedene Ebenen zu uns rein, und dann beginnt ein klassischer Entwicklungsprozess. Wir müssen hier agiler werden, Nöte und Bedürfnisse vorab besser herausfinden und definieren, bis wir einen sauberen Use-Case haben, und erst dann mit dem Codieren starten.“

Alle Weichen auf Wachstum gestellt

Ein weiterer Erfolg ist mit dem Aufbau aller E-Commerce-Prozesse bereits erreicht, dennoch geht es Schlag auf Schlag weiter: „Derzeit wächst unsere Prozesslandschaft immens, da wir im Zuge des Unternehmenswachstums kontinuierlich neue Länder und Prozesse dazu bekommen – sprich, viele unterschiedliche IT-Systeme aus SAP- und Non-SAP-Systemen bestimmen die Fielmann-IT-Welt“, erläutert Thorsten Düvelmeyer die aktuellen Herausforderungen. Und sieht sich gleichzeitig mit dem SAP-Cloud-Technologie-Stack und den neuen S/4HANA-Systemen bestens gerüstet für das Ziel, eine moderne, Cloud- und Event-basierte API-Integrationslandschaft bei Fielmann zu etablieren: „Das bestimmt nicht zum Nulltarif, aber Aufwand und Nutzen werden sich mehr als rechnen.“

Ziele

  • Agile SAP-Teams mit hohem Autonomielevel für Entwicklung (Dev) und den Betrieb (Ops) etablieren
  • Umsetzung der Cloud-first-Strategie im SAP- Bereich, On-Premise-Systeme reduzieren
  • Cloud-Services für Anwendungsentwicklung und -integration auf der SAP Business Technology Platform (BTP) für mehr Agilität und weniger Infrastrukturtätigkeiten nutzen
  • Optimale Benutzerführung (User-Experience – UX) über alle SAP-Systeme und -Prozesse hinweg etablieren (u.a. einmalige Anmeldung und Authentifizierung)
  • Security verbessern und vereinfachen: Nur noch eine zen­trale Verbindung zur SAP BTP über den Cloud-Connector
  • Automatisierung bei Entwicklung und Testen nutzen
  • Plattform wird als SaaS von SAP betrieben, verringerter Aufwand für Fielmann

Bildnachweis: Fielmann AG & Co. Service KG

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