„Es wird immer enger, je weiter es nach oben geht“

Gipfel

Ein gleichberechtigtes Rollenverständnis und ein starkes Selbstbewusstsein begleiten Heike Siller-Morawski von klein auf. Auch nach vielen Jahren im IT-Consulting mit unendlich vielen Reisen rund um den Globus freut sie sich jeden Tag auf neue Herausforderungen in der SAP-IT-Welt – und ist dabei nicht alleine: Seit 2012 ist sie Global Head of SAP bei Sika in Zürich und verantwortet ein internationales Team mit knapp 80 Mitar­beitenden. Und stellt immer wieder fest: Weibliche Führung ist ein täglicher Balanceakt. Den Frau aber meistern kann.

Heike Siller-Morawski, Global Head of SAP bei der SIKA AG

Frauen in der IT oder in Führungspositionen sind heutzutage immer noch rar gesät. Wie blicken Sie zum jetzigen Zeitpunkt auf Ihren Werdegang, was hat Sie geformt?

Heike Siller-Morawski: Eindeutig mein Elternhaus. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der ein gleichberechtigtes Miteinander alltäglich war und nicht das damals übliche klassische Rollenbild gelebt wurde. Ziele verfolgen, immer das Beste geben, nicht scheu sein und nicht aufgeben – das wurde bei uns gelebt, und das ist das Umfeld, in dem ich mich bis heute bewege. Und sicher auch der Grund, warum ich mir noch nie in meinem Leben auch nur eine Sekunde lang Gedanken darüber gemacht habe, ob ich als Frau etwas genauso gut kann wie ein Mann.

Wie hat Ihr schulischer und dann beruflicher Werdegang ausgesehen?

Ich hatte ganz klar eine sehr starke Neigung zu Chemie, Physik und auch Mathematik. Nach längeren Abwägungen zwischen Jura und Naturwissenschaften habe ich an der TU München mit dem Chemiestudium begonnen, einem damals sehr konservativen und männlich dominierten Studiengang. Dabei kam ich dann auch mit IT in Berührung. „Die Zukunft ist digital“, das war zu dieser Zeit total unbekannt, aber die Innovation, die Lebendigkeit, das Neue – das war alles bereits zu spüren. Und so entschloss ich mich, nach dem Chemie-Vordiplom in den Studiengang Wirtschaftsinformatik zu wechseln.

Wie trafen Sie auf SAP?

Nach ersten Tätigkeiten als Werkstudentin im Consulting kam ich gleich in meinem ersten Job als Junior-Consultant mit SAP in Kontakt und konnte, vor allem durch zahlreiche Kundenprojekte, SAP wirklich von der Pike auf lernen. Das war nicht immer einfach, ich habe viel Energie in meinen beruflichen Werdegang gesteckt und arbeitete glücklicherweise in einem Umfeld, das Innovation nicht ausschließlich von Top-down ermöglichte.

Wie haben Sie die Consulting-Welt zur damaligen Zeit empfunden – als eine der wenigen Frauen zwischen vielen Männern?

Was sich durch meine gesamte Laufbahn durchzieht, sind die meistens männlichen Kollegen. Zunächst hatte das keine Auswirkungen auf mich als Person und wie ich meinen Job erledigte. Ich fand es schon immer großartig, die vielen unterschiedlichen Personen und Themen der Branche kennenzulernen. Verschiedenes zu sehen bedeutet aber auch immer, sich neuen Herausforderungen zu stellen und Wissen über Neues aufzubauen. Allerdings musste ich schnell lernen, dass man nicht im Verborgenen glänzen kann – also warten, bis einem eine Krone aufgesetzt wird, das wird nicht passieren.

Women@DSAG
Ziel der Initiative Women@DSAG ist es, Frauen in der DSAG sichtbar zu machen, zu fördern und zu vernetzen.

Wie gestaltet sich der Arbeitsalltag, wenn Ihr Team weltweit verteilt ist – und die IT auch immer komplexer wird?

Meine Bereiche decken jeden Breitengrad ab, geografisch wie funktional. Mein Team und ich betreuen heute SAP-Systeme, die in der Gesamtheit als eine integrierte, digitale Business-Technology-Platform betrachtet und eingesetzt werden. Wir halten die Systeme up-to-date, gewährleisten den Support für unsere User und verantworten das Wachstum und die kontinuierliche Innovation unserer Plattform. Eine weitere Herausforderung liegt darin, Lösungen für die steigenden legalen Anforderungen unserer global verteilten Gesellschaften bereitzustellen. Ein großes Thema dabei ist, die Teams zu koordinieren, Aufgaben richtig zu adressieren, die Kommunikation zielführend zu gestalten, Ziele bekannt und verständlich zu machen und letztlich – obwohl global verteilt – dafür zu sorgen, dass alle an einem Strang ziehen.


Sie haben es weit gebracht. Es wird viel über Quoten und Karrierefrauen gesprochen, wie haben Sie selbst es erlebt?

Die Tech-Welt ist nach wie vor sehr männerdominiert. Und das, obwohl es wirklich großartige Frauen in der Branche gibt, die einen signifikanten Beitrag zur Weiterentwicklung der IT und damit zu Entwicklungen innerhalb der Industrie geleistet haben. Fakt ist aber, und ich kann das sagen, weil ich es erlebt habe, dass man als Frau trotz hoher Fachkompetenz noch viel zu oft unsichtbar bleibt oder gar als exotisch betrachtet wird. Das muss nicht einmal böse Absicht sein. Aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass z. B. bei der Nominierung neuer, großer Aufgaben der gewohnte Habitus beibehalten wird: Und der sieht einen Mann vor. Von dem weiß man schließlich, wie er agiert und vorangeht.

Meiner Meinung nach sollten viel mehr Frauen in Führungspositionen, nur so wird es wirklich Diversity im Berufsalltag geben. Eine weitere Erfahrung ist auch, je weiter oben auf der Karriereleiter, desto anstrengender – es handelt sich schließlich um interessante und begehrte Positionen. Diese muss man sich als Frau erarbeiten und täglich den Beweis antreten, dass man kompetent ist. Und das bedeutet auch: Es wird immer enger, je weiter es nach oben geht.

Was können Sie Kolleginnen und Neueinsteigerinnen mit auf den Weg geben?

Neben einer soliden Ausbildung, profunder Fachkompetenz, einem großen Engagement und der Bereitschaft, sich ständig auf neue Situationen einzustellen und Neues zu lernen, haben Lobbyismus und Netzwerk eine sehr hohe Priorität! Die Kollegen müssen erstens wissen, wer man ist, und zweitens, wie gut man ist. Und dafür muss man sich mit seinen Leistungen aktiv zeigen. Es gilt also: Tut Gutes und redet darüber, sagt „So geht das!“ und nicht „Ich hätte da eventuell eine Idee“. Und manchmal muss man eben auch offensiver werden, sonst ist das viel gerühmte Window-of-Opportunity vorbeigezogen. Aber natürlich gilt auch: Seid Frauen! Definiert eure Ziele, seid fokussiert – aber auch charmant und kompromissfähig. Arbeitet hart, haltet durch und seid auch mal nicht 100 Prozent perfekt. 80 Prozent – das reicht oft aus!

Stichwort Netzwerk: Wenn die Herausforderung in der Förderung von Frauen liegt, wie könnte dies noch besser funktionieren?

Meiner Erfahrung nach gibt es leider immer noch wenige Frauen, die in die Führung wollen. Viele sind glücklich damit oder haben sich auch irgendwann damit abgefunden – was ich aber jedes Mal sehr bedaure –, in der zweiten Reihe zu stehen. Und für die berühmte Ausnahme von der Regel mangelt es leider an ausreichenden Vorbildern. Hier muss ganz klar etwas passieren. Es braucht gezieltes Mentoring. Vor allem jüngere Frauen benötigen kreativ-positives Feedback für ihre Weiterentwicklung sowohl bezüglich ihrer fachlichen als auch ihrer Soft-Skills.

Und vor allem braucht es Kontakte, Kontakte, Kontakte. Das ist eine wichtige Basis, um weibliche Karrierewege zu ebnen, und zwar für den Weg nach oben! All das kann schon im Kleinen beginnen, z. B. wenn man bei LinkedIn Kontakte bestätigt, Blogs schreibt, also aktiv auftritt. Weitere wichtige Instrumentarien für das Netzwerken sind u. a. die Teilnahme an Connect-Veranstaltungen oder an Woman-Leadership-Events. Aber dort bitte nicht nur teilnehmen, sondern auch auftreten und Erfolge präsentieren, darüber sprechen, was wie erreicht wurde.

SIKA AG

Sika ist ein Unternehmen der Spezialitätenchemie, führend in der Entwicklung und Produktion von Systemen und Produkten zum Kleben, Dichten, Dämpfen, Verstärken und Schützen für die Bau- und Fahrzeugindustrie. Mit Tochtergesellschaften in 100 Ländern und über 300 Fabriken beschäftigt Sika 25.000 Mitarbeitende und erzielte im Geschäftsjahr 2019 einen Umsatz von 8,1 Mrd. CHF.

Die Sika Informationssysteme AG stellt als Konzern-IT mit einem weitreichenden und innovativen SAP-Portfolio eine integrierte, moderne Business-Technology- und Integrationsplattform für alle Geschäftsbereiche zur Verfügung. SAP gilt im Konzern als globales ERP-Suite-Framework, das, bestehend aus Digital Core und Satelliten, zahlreichste Template-Lösungen für Geschäftsprozesse, Data-Management und Analytics zur Verfügung stellt.

Wie sind Sie als Global Head SAP mit den Corona-Herausforderungen umgegangen?

Bisher machte meinen Job vor allem eines aus: viele, viele Geschäftsreisen. Und ich schätze die direkte Kommunikation sehr. Das hat sich im März nun schlagartig geändert, auf einmal waren wir alle im Homeoffice. Das hat sehr gut funktioniert, was aber auch daran lag, dass alle die neue Herausforderung sofort verstanden haben und dass manche Projekte entsprechend vorbereitet waren, so dass ohne Reibungsverluste remote weitergearbeitet werden konnte, wie bei unserer strategisch wichtigen S/4HANA-Conversion. Es ist jedoch nach wie vor wichtig, dass in dieser Krisensituation Mitarbeitende sehr gut motiviert sein müssen, es muss rein- und nachgehört werden, auch bei den Kunden.


Was erwarten Sie für die nahe Zukunft

Eine wirklich komplett neue Herausforderung war das virtuelle Führen von Teams und Mitarbeitenden. Wir haben gelernt, dass eine weltweite Onsite-Anwesenheit nicht mehr unbedingt erforderlich ist. Und das müssen wir nun entsprechend auf unser Unternehmen und die Industrie anpassen und mit neuen Technologien neue Prozesse, Arbeitsmodelle und Formen der Zusammenarbeit entwickeln. Also weg vom Notbetrieb hin zu einem New-Normal. Da sind wir bei Sika nun genauso gefordert wie alle anderen auch.

Was wünschen Sie sich für Women@DSAG?

Ich wünsche mir mehr Aktionen, mehr Power, mehr interaktive Veranstaltungen, mehr Angebote für Mentoring für die verschiedensten Entwicklungsstufen weiblicher Karrieren. Aber auch mehr Chancen für Frauen aus der IT-Welt, aktiv auftreten zu können. Innerhalb der DSAG gehören auch eindeutig viel mehr Frauen als Sprecherinnen in die Arbeitskreise und -gruppen, dasselbe gilt für den Vorstand. Hier wären mindestens 30 Prozent Frauenquote anzustreben!

Vielen Dank für das Gespräch!

Bildnachweis: SIKA AG, shutterstock