Jeden Extrameter gehen

2015 gegründet, bis 2021 im dreistelligen Prozentbereich gewachsen und parallel diverse Gründer- und Design-Awards abgeräumt: Dahinter stecken die Minimalschuhe von Wildling Shoes, ein Produkt, das von A bis Z auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Um mit dem sehr schnellen Wachstum Schritt halten zu können, entschied sich das Unternehmen aus Engelskirchen, 2020 seine IT-Infrastruktur mit SAP Business ByDesign zu professionalisieren. Co-Company-Lead Sebastian Feuß zur Geschichte dahinter.

Sebastian Feuß, Co-Company-Leader bei Wildling Shoes GmbH
Sebastian Feuß, Co-Company-Leader bei Wildling Shoes GmbH

Schuhe gibt es wie Sand am Meer, gute Schuhe hingegen sind ein Sechser im Lotto. Mit extrem leichten Minimalschuhen für uneingeschränkte, natürliche Bewegungsfreiheit für Groß und Klein mit flexiblen, natürlichen Materialien wie Baumwolle, Hanf, Leinen oder Kork hat Wildling vor knapp sieben Jahren den Nagel auf den Kopf und obendrauf den Kundenbedarf getroffen. Sebastian Feuß, der als Co-Company-Lead das Unternehmen gemeinsam mit der Gründerin Anna Yona leitet, kam Anfang 2019 zu Wildling. Er hat den rasanten Aufstieg des immer beliebteren, veganen Schuhwerks seither miterlebt und gestaltet und ist zuständig für IT und Finanzen sowie für Lieferketten-Management und Internationalisierung.

Tiefe Integration der Wertschöpfungskette dank

  • Produktion und Einkauf nachhaltiger Materialien
  • Fairer Produktion bei externen Partnern
  • Direktvertrieb über eigenen Webshop
  • Weltweitem Versand über eigenes Fulfillment-Center

Geschäft läuft und läuft

Seit der Unternehmensgründung brachten nicht nur das große Wachstum und die immer zügigere Internationalisierung, sondern auch steigende regulatorische Anforderungen zusätzlich Komplexität ins Geschäft. Wirtschaftsingenieur Sebastian Feuß zu den Zahlen, die dahinter stecken: „2015 startete das Gründer-Team, bestehend aus zwei Personen, 2019 gab es etwa 60 Mitarbeitende, heute sind es 250, und wir verschicken weltweit etwa 500.000 Paar Schuhe im Jahr. Das Besondere an unserem Geschäftsmodell ist auch, dass wir alle – bis auf das Logistik- und Fulfillment-Center bei Köln und unser Showroom-Personal an den Standorten Köln und Berlin – komplett dezentral arbeiten, schon vor der COVID19-Pandemie. Außerdem fertigen wir ausschließlich in Portugal, und die dafür benötigten Rohstoffe stammen ebenfalls größtenteils aus der EU.“

Damit erfüllt Wildling – anders als in der Schuhindustrie üblich, die einer der größten CO2-Verursacher weltweit ist – die Ansprüche an eine nachhaltige Lieferkette und einen beinahe geschlossenen Produktionskreislauf, der auf regenerative Landwirtschaft und Recycling setzt. „Bis 2030 haben wir uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, als gesamtes Unternehmen klimapositiv zu wirtschaften“, verrät Sebastian Feuß.

Wildling Shoes GmbH

Wildling Shoes entwickelt, produziert und vertreibt seit 2015 Minimalschuhe für Kinder und Erwachsene und versteht sich zugleich als Teil einer großen Re:generation. Wildling möchte dazu beitragen, den elementaren Herausforderungen unserer Generation – Klimawandel und globale Ungerechtigkeit – ein neues Arbeiten und Wirtschaften entgegenzusetzen. Faire Produktionsbedingungen, nachhaltig erzeugte Rohstoffe, Renaturierung, Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und New Work sind die Bausteine, um auf allen Ebenen regenerativ zu wirken. Nach dem Remote-First-Prinzip arbeiten rund 250 Mitarbeitende deutschlandweit für dieses Ziel.

Prozesskonformität schafft Professionalität

Ein Ziel, das eine professionelle IT-Infrastruktur voraussetzt, die mit SAP Business ByDesign nun erfüllt wird. Bis Mitte 2020 sah das anders aus: Wildling arbeitete neben Microsoft Excel, E-Mail und dem Buchhaltungs­programm DATEV hauptsächlich mit einer selbst programmierten Datenbank, die via Microsoft Azure in der Cloud lief und als selbstgebasteltes Logistiksystem mit einer Pick&Pack-DLH-Schnittstelle verbunden war.

Das Problem dabei: „Das System, insbesondere die Excel-basierten Prozesse, waren null skalierbar, und es gab immer mehr Bestandsabweichungen und Überbuchungen, was natürlich zu schlechten Kundenerlebnissen führte“, erinnert sich Sebastian Feuß. Mit der Einführung von SAP Business ByDesign wurden diese Zustände abgestellt. „Wir haben nun extrem viele Daten, die aber sehr transparent sind: Per Klick wissen wir, wer wann was bestellt oder wie der Produktionsstand ist. Auch Reports zu Beständen und Bestands­bewertungen sind nun abrufbar. Unterm Strich konnten wir unsere Effizienz in der Logistik um mindestens 30 bis 40 Prozent steigern“, freut sich Sebastian Feuß. Heute arbeiten mit dem neuen Logistiksystem bis zu 30 Anwenderinnen und Anwender und mit dem Supply-Chain-Management-System bis zu zehn Mitarbeitende.

Schnittstellen machen Probleme

Allerdings sieht er noch Verbesserungspotenzial bei den Schnittstellen, über die die Customized-Applikationen angebunden werden. „Das war und ist nach wie vor unsere größte Herausforderung“, sagt der Co-Geschäftsführer. „Unsere Pick&Pack-Lösung ist Cloud-basiert und maßgeschneidert, um die hohen Volumina optimal abbilden und bewältigen zu können. Bei der Anbindung bzw. der Standardintegration hakte es aber, deshalb waren wir auf die Unterstützung unseres Implementierungspartners angewiesen.“ Deshalb wünscht sich Sebastian Feuß performante Standardschnittstellen zu verschiedenen Versanddienstleistern sowie ein wegeoptimiertes Pick&Pack basierend auf digitaler Lagerplatzverwaltung.

Vorteile SAP Business ByDesign

  • Cloud-basiert, hochverfügbar, skalierbar
  • Kein eigenes Operations-Team notwendig
  • Mit SAP ein am Markt etabliertes und zuverlässiges Produkt erhalten

Auf der rechtssicheren Seite

Parallel zu den großen Bestellvolumina und zum Wachstum stiegen auch die Anforderungen an die Buchhaltung, die DATEV schnell an seine Grenzen stießen ließ. „Wir wollten auf der rechtssicheren Seite sein, daher auch die Entscheidung, SAP Business ByDesign für unsere Prozesse in der Finanzbuchhaltung einzusetzen, um flexibel und international skalierbar wachsen zu können“, erklärt Sebastian Feuß. Das automatisierte Mapping von Zahlungs- und Bestelldaten, sprich die automatisierte Umsatzverbuchung, war natürlich ebenfalls ein Ziel. Aber auch hier traten wieder Schnittstellenprobleme auf, die den Direktversender empfindlich trafen. So vermissten die Engelskirchener zum einen eine Standardschnittstelle zu Shopify, deren E-Commerce-Software für den Online-Shop, und zum anderen eine Standardschnittstelle zu gängigen E-Commerce-Payment-Gateways wie Amazon Pay, Paypal oder Sumup.

Helfen konnte an dieser Stelle erneut der Implementierungspartner: Das Mittel der Wahl war auch hier wieder eine maßgeschneiderte Schnittstelle für eine automatisierte Umsatzverbuchung und Zahlungsausgleiche. „Damit gehen Bestell- und Bezahlprozess mit Anbindung der Payment-Provider nun Hand in Hand, inklusive täglichem Import der aktuellen Zahldaten der Kundinnen und Kunden. Und um unserer Buchhaltung das Leben noch einfacher zu machen, werden mit der Steuerfindung von SAP umsatzsteuerliche Vorfälle periodengerecht und erhaltene Anzahlungen bilanziell korrekt und endlich professionell abgebildet“, freut sich Sebastian Feuß.

Bis 2030 wollen wir als gesamtes Unternehmen klimapositiv wirtschaften.

Sebastian Feuß, Co-Company-Leader bei Wildling Shoes GmbH

Sebastian Feuß

Co-Company-Leader, Wildling Shoes GmbH

ByDesign braucht Kompromisse

Das Reporting hat seiner Meinung nach ebenfalls noch Luft nach oben, und trotz aller mittlerweile erreichten Vorteile ist die Finanzbuchhaltung nach über 18 Monaten noch nicht komplett angebunden. Was dem Co-Geschäftsführer grundsätzlich aufgefallen ist: „SAP Business ByDesign ist im Standard nicht für den Direktvertrieb mit hohen Geschäftsvolumina ausgelegt, darauf basiert aber unser Geschäft. Ein Beispiel: Der Abschluss eines Auftrags in SAP Business ByDesign ist nicht performant genug, das dauert einfach viel zu lange.“ Ein Add-on des Implementierungspartners entkoppelt nun den Pick&Pack-Vorgang, der lokal und mobil auf einem Tablet ausgeführt wird, vom Abschließen des Auftrages im SAP-System. Weitere Kompromisse wurden eingegangen, etwa dass tagesaktuelle Verbrauchsbuchungen von Materialien in der Produktion durch monatliche Inventuren ersetzt werden.

Gründe für Implementierungspartner

  • Tiefes Fachwissen für Finanzen und Lieferkette
  • Eigenentwicklungen notwendig für D2C-Vertriebsmodell, z. B. customized entwickelte Pick & Pack-Lösung für das Lager
  • Deutschsprachig

In Zukunft werden Wildling Schuhe aber noch an viel mehr Füßen unterwegs sein als bisher, denn das Unternehmen kann sich dank professioneller IT-Infrastruktur nun auch ein zweites Standbein in den USA vorstellen. Weitere Pläne zielen auf Prozessautomation, etwa das Lager teilweise mit Robotern zu automatisieren und so das weitere Wachstum abzufedern. Die jungen Wilden sind also Schritt für Schritt auf dem Vormarsch, das steht definitiv fest.

Vier Fragen an …

Sebastian Feuß, Co-Company-Leader bei Wildling Shoes GmbH

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Innovationskraft?

  • Wir wollen führend sein beim Wandel hin zu einer regenerativen Art des Wirtschaftens (People, Planet, Profit).
  • Dafür legen wir den Fokus auf eine regenerative, klimapositive Lieferkette und ein recyclingfähiges Produkt.
  • Und erfinden uns immer wieder neu in unserer Organisationsstruktur und der Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten durch das rasante Wachstum.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus erstens für die IT-Infra­struktur, die dahinter stehen muss, und zweitens – und mindestens genauso wichtig – für die Themen Führung und Unternehmenskultur?

Unsere IT-Infrastruktur muss

  • sich flexibel an Wachstum und neue Entwicklungen (z. B. Veränderungen entlang der Lieferkette) anpassen können.
  • einzelne Bestandteile und Systeme modular austauschen können.
Führung & Unternehmenskultur
  • Wir haben flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege mit klarem Purpose und Werten als Nordstern für alle Mitarbeitenden bei Entscheidungen.
  • Wir sind offen für neue Wege und Veränderung.
  • Wir setzen uns kühne Ziele, wie z. B. Klimapositivität bis 2030, und engagieren uns aktiv dafür.

Digitalisierung dient nicht dem Selbstzweck: Es braucht einen spürbaren Nutzen für Anwender, v. a. bei produzierenden Unternehmen. Welcher oder welche wären das bei Ihnen?

  • Digitalisierung ist der Enabler unserer dezentralen/remote Zusammenarbeit und unserer tiefen Wertschöpfung.
  • Digitalisierung/E-Commerce sind ebenfalls Enabler unseres direkten Vertriebsmodells.
  • Digitalisierung als Enabler, um mit unserem Wachstum umzugehen (Automatisierung von Prozessen, Analytics etc.).

Was steht IT-Innovationen meistens im Weg? Gibt es hier typisch deutsche Probleme oder Hemmnisse?

  • Vorhandene Systeme, in die man Neues inte­grieren muss, erschweren IT-Innovationen.
  • Software-Entwicklung ist immer noch deutlich aufwendiger als allgemein vermutet. Der Weg von der Idee zum digitalen Produkt ist viel länger, tech­nische Kleinigkeiten bremsen die Innova­tionskraft. Ändern wird sich das erst mit ausgereiften Low- bzw. No-Code- Plattformen oder Frameworks.
  • Keine expliziten deutschen Probleme.


Bildnachweis: iStock+Daniella Winkler/Wildling Shoes GmbH

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