„Einfach ausprobieren!“

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Jutta Gimpel zeigt seit über drei Jahrzehnten, dass Frauen in IT-Berufen ebenso Erfolg haben wie ihre männlichen Kollegen. Vom Vater inspiriert, der als Anlagen- und Rohrleitungsbauingenieur bereits in den 70ern HP-Rechner für technische Berechnungen nutzte, ist die studierte Diplom-Informatikerin heute sowohl in der SAP-Basis­betreuung bei Miele beschäftigt als auch Sprecherin des DSAG-Arbeitskreises Datenarchivierung & Information Lifecycle Management (ILM). Ihre Empfehlung für den weiblichen IT-Nachwuchs: IT einfach ausprobieren!

Auch im Jahr 2020 stehen wir noch vor dem Dilemma, dass Frauen in technischen Berufen zwar immer mehr werden, aber zahlenmäßig den männlichen Kollegen immer noch deutlich hinterherhinken. Wie war Ihr Weg – von der Schule bis zum ersten Job?

Jutta Gimpel, SAP-Basis­betreuung bei Miele und Sprecherin des DSAG-Arbeitskreises Datenarchivierung & Information Lifecycle Management (ILM)

Jutta Gimpel, SAP-Basis­betreuung bei Miele und Sprecherin des DSAG-Arbeitskreises Datenarchivierung & Information Lifecycle Management (ILM)
Jutta Gimpel: Ich war damals die einzige Schülerin im Oberstufenleistungskurs Physik und habe anschließend an der Technischen Universität Clausthal-Zellerfeld im Oberharz Informatik studiert. Schwer gefallen ist mir das alles nicht, denn durch meinen Vater hatte ich schon von klein auf viel Kontakt mit technischen Dingen. Wir hatten auch schon früh einen Texas Instruments Home Computer daheim. Das war im Nachhinein für meinen beruflichen Werdegang sehr positiv, denn ich war schon früh mit technischen und mathematiklastigen Themen vertraut.

Wie schätzen Sie Ihren persönlichen Werdegang aus heutiger Sicht rückblickend ein?

Nach fünf Jahren Studium habe ich 1989 meine erste Stelle bei Miele in Gütersloh angetreten – und bin dort auch bis heute geblieben. Angefangen hat alles in der damaligen Anwendungsentwicklung mit dem Einführungsprojekt SAP R/2 für die Finanz- und Anlagenbuchhaltung. Dort waren wir erstaunlicherweise schon drei Frauen in diesem IT-Bereich, was für jene Zeit doch eher ungewöhnlich war. Über verschiedene Anwendungsthemen bin ich dann in die technische R/2-Betreuung gekommen und darüber letzten Endes schließlich auch in die SAP-Basisbetreuung.

Und Sie sind bis heute weiterhin gespannt, was im Beruf noch auf Sie zukommt?

Ich komme wie gesagt aus dem Bereich SAP-Anwendungen und habe viele verschiedene SAP-Projekte auf unterschiedlichen Plattformen erlebt – und bin nun sehr gespannt, was S/4HANA und die SAP-Cloud bringen werden. Ich bin ja nicht nur in der SAP-Basis tätig, sondern bin über die Jahre im Zusammenhang mit meinem Spezialgebiet Archivierung auch mit Themen wie Grundsätze zum Datenzugriff und zur Prüfbarkeit digitaler Unterlagen (GDPdU), Globalisierung der IT, die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und einer Vielfalt weiterer Anwendungen in Kontakt gekommen. Diese Erfahrungen über techniknahe Themen hinaus sind bei den immer komplexer werdenden Projekten, Anwendungen und Systemlandschaften nützlich.

Ihre größte Herausforderung im Moment?

Das ist natürlich S/4HANA, wie bei vielen anderen im SAP-Umfeld auch. Davon unabhängig gibt es und wird es noch massive technische Änderungen aufgrund der globalen Nutzung von SAP-Systemen geben. Viele Unternehmensbereiche müssen sich immer globaler und flexibler aufstellen, und dafür braucht es natürlich eine hochperformante und stabile IT, die allen Bedürfnissen und Anforderungen gerecht wird. Aber genau das ist interessant und geht über das Alltagsgeschäft hinaus.

Wie beurteilen Sie die Chancen von Frauen in der IT-Arbeitswelt heutzutage?

Ich kenne die Zahlen und Aussagen, dass der Anteil von Frauen in MINT-Berufen steigt. Für mich stellte sich bisher nie die Frage, ob mir als Frau weniger zugetraut wird als einem Mann. Ganz generell sind in der Anwendungs-IT immer mehr Frauen zu finden. Grundsätzlich gilt: Jede und jeder ist erst einmal willkommen und darf Kompetenz und Fachwissen einbringen. Aktuell beträgt der Frauenanteil in der Miele Gruppe – als einem technikgetriebenen Industriekonzern mit weltweitem technischem Kundendienst – rund 30 Prozent, dies ebenfalls mit steigender Tendenz.

Wo stellen Sie trotz aller formaler Gleichberechtigung auch in der heutigen Zeit immer noch Unterschiede fest?

Ich habe schon oft beobachtet, dass Frauen mehr Interesse an einem Konsens haben. Daher können sie auf Kollegen mehr eingehen und Inhalte so koordinieren, dass alle Parteien am Ende des Tages zufrieden sind. Ausnahmen gibt es immer, aber grundsätzlich sind weibliche Projektleitungen meistens schneller am Ziel als ihre männlichen Kollegen.

Es wird viel diskutiert über frühes Motivieren und Entdecken von Talenten innerhalb weiblicher Zielgruppen. Welche Hebel könnten hier noch helfen?

Am Ende geht es immer um die Kompetenz, aber bis man dort angelangt ist, ist es manchmal ein weiter Weg. Die Mädchen und jungen Frauen sollten sich generell trauen, einfach einmal etwas auszuprobieren – und wenn es dann nicht passt, geht man eben einen anderen Weg. Der Blick über den Tellerrand ist wichtig, und wir brauchen ganz dringend mehr Vorbilder, die erstens zeigen, wie es funktioniert, und die zweitens auch von immenser Bedeutung für das Netzwerk sind, das Frauen benötigen. Bei Miele gibt es einen Ingenieurinnen-Treff für Mitarbeiterinnen mit naturwissenschaftlich-technischem Studium, der immer gut besucht ist, und es herrscht darüber hinaus ein reger Austausch und Kommunikation zu den unterschiedlichsten Themen.

Was geben Sie Frauen mit auf den Weg?

Unsere Branche ist hochspannend, abwechslungsreich und weitestgehend krisenfest. Wir brauchen mehr und vor allem junge IT-Expertinnen und -Experten, die die Technologien von heute verstehen, weiterentwickeln und dabei auch immer um die Ecke denken. Sowohl wir in der SAP-Basis können von neuen Ideen profitieren als auch die neuen Kolleginnen und Kollegen von unserer Erfahrung. Denn wir haben viel Know-how weiterzugeben, über alle Bereiche und Altersgruppen hinweg. Die Arbeit mit SAP-Lösungen macht Spaß!

Und als Sprecherin der Arbeitsgruppe Datenarchivierung: Was wünschen Sie sich für die Initiative Women@DSAG?

Ein toller Erfolg wäre es, wenn sich mehr Frauen als bisher für die Posten als Sprecherinnen oder als Stellvertreterinnen eines Arbeitskreises oder einer Arbeitsgruppe melden würden – und diese dann auch bekämen. Im Moment haben wir innerhalb der DSAG 42 Arbeitskreise und 119 Arbeitsgruppen sowie 75 Unterarbeits- und Themengruppen mit 84 Prozent männlichen Sprechern und 16 Prozent weiblichen Sprecherinnen. Um hier mehr Frauen als Funktionsträgerinnen zu sehen und zu erleben, aber auch um deren Engagement in einem ersten Schritt intensiver zu fördern, könnte ich mir ein Mentorinnen-Programm vorstellen, bei welchem aktive Sprecherinnen neue Kolleginnen erst einmal unterstützen – ganz individuell, je nach dem, was benötigt wird. Des Weiteren würde ich mir für die Zukunft wünschen, dass mehr Frauen einen Vorstandsposten in der DSAG bekleiden.

Wenn es nicht die IT geworden wäre, was würden Sie heute arbeiten?

Meine große private Leidenschaft sind Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie, und ich reise gerne. Aber ich sehe sie als sehr wichtigen Gegenpol zu meinem beruflichen Alltag, und nicht als berufliche Alternative. Von daher: Nein, es wäre immer die IT geworden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bildnachweis: DSAG, Anna Polywka + Shutterstock

Sarah Meixner

Autorin: Sarah Meixner

blaupause-Redaktion