Traditionsunternehmen mit Start-up-Qualitäten

Käserei Champignon

Traditionsprodukte pflegen und gleichzeitig immer wieder mit trendgerechten Innovationen überraschen, das ist seit über 100 Jahren das Erfolgsrezept der Käserei Champignon Hofmeister-Unternehmensgruppe. Auch organisatorisch und IT-technisch orientiert sich das Traditionsunter­nehmen stets an neuesten Standards: „CU 2025“ heißt ein über fünf Jahre angelegtes Projekt, im Verlaufe dessen derzeit sämtliche Geschäftsprozesse und Organisationsstrukturen einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Das gesamte Unternehmen in eine neue Welt zu transformieren und dies in einem S/4HANA-Greenfield-Ansatz abzubilden, ist das hochgesteckte Ziel.

1908 in Heising (Allgäu) gegründet, wuchs die Käserei Champignon rasch zu einem erfolgreichen Unternehmen heran. 1961 wurde sie von der Familie Hofmeister als neuem Eigentümer übernommen, heute beträgt ihr Exportanteil rund 30 Prozent am Gesamtumsatz. Die Produktionsmaschinen an fünf Standorten in Bayern und Sachsen verarbeiten jährlich 450 Millionen Kilogramm Milch. Dafür laufen sie im 24/7-Betrieb und werden gesteuert von einer hybriden Produktions- und IT-Landschaft: Verschiedene SAP-Module, die in den vergangenen Jahren stark modifiziert und angepasst wurden, sowie diverse Subsysteme anderer Hersteller für Produktions- und Lagerprozesse. Die Produktionssteuerung inklusive Manufacturing Execution System (MES) lief über eine eigenentwickelte Anwendung, Lagerthemen wurden ebenfalls mit einer Dritthersteller-Software bzw. klassisch Materialmanagement-geführten Lagerorten bearbeitet.

„Bei den vielfältigen Anpassungen dieser gemischten Landschaft sind wir nicht immer dem Best-Practices-Gedanken gefolgt“, erklärt IT-Leiter Michael Moser: „So fanden wir uns 2019 in einer technisch wie prozessual schwierigen Situation wieder, in der unser SAP-System nicht mehr ohne weiteres Release-fähig war.“

Wir wollen unser zentrales S/4HANA-System auch einmal über mehrere Stunden ausschalten können, ohne ein Problem in der Produktion zu bekommen.

Michael Moser IT-Leiter der Käserei Champignon Hofmeister

Organisation und Prozesse von Grund auf transformieren

Die Lösung dafür ging über ein reines IT-Projekt weit hinaus und betraf den gesamten organisatorischen Aufbau des Unternehmens. Neben der Gründung von neuen Geschäftseinheiten (Unternehmen) wurden sämtliche Geschäftsprozesse der Unternehmensgruppe einzeln betrachtet und, wenn nötig, völlig neu modelliert. Das jetzige Organisationsmodell orientiert sich an ganzheitlichen Prozessen und folgt nicht mehr einer isolierten Abteilungssicht. Dafür mussten viele alte Zöpfe abgeschnitten werden. Behutsam, aber konsequent, verpasste sich das Traditionsunternehmen eine von Grund auf neue Architektur, um – wie ein Start-up – auch künftig agil und wettbewerbsfähig am Markt aufzutreten.

Die Käserei Champignon Hofmeister- Unternehmensgruppe ist führender Hersteller von Weichkäsespezialitäten und vertreibt seine Produkte in mehr als 55 Ländern.

So wurden im Produktionsumfeld Planungsprozesse verändert und mit erweiterten Planungsfunktionalitäten ergänzt. Neue Stellen für die Arbeitsvorbereitung konnten in der Produktion geschaffen werden. Die Käserei setzt in ihren Vertriebsprozessen jetzt stärker auf Automatisierung und Integration mit ihren Logistikpartnern, indem sie Auftragsprozesse vereinheitlicht und klar einzelnen Vertriebsunternehmen in der Unternehmensgruppe zuordnet. Der Einkauf arbeitet statt mit einem dezentralen mit einem zentralen Beschaffungsmodell. Einkaufsaufgaben wurden dafür aus ihren bestehenden Abteilungen herausgelöst und zentral gebündelt.

Den gesamten Shopfloor, vom Milcheingang bis zur fertigen Palette, steuert die Käserei über SAP.

Auf allen Ebenen sind nun ausgewählte Personen für die Prozesse end-to-end verantwortlich. Auf der Anwendungsebene wurden die neuen Unternehmensstrukturen (Unternehmen) mit neuen Kunden- und Materialnummern abgebildet und so ein Großteil der Datenhistorie der konsequenten Neuausrichtung der Unternehmensgruppe untergeordnet. Um die Organisationsstruktur IT-seitig sauber und auch langfristig abzubilden, stellte die Käserei Champignon 2019 im Greenfield-Ansatz von SAP ECC auf S/4HANA On-Premise um und richtete eigens dafür ein neues Hochleistungsrechenzentrum ein.

Vorteile der Unabhängigkeit vom ERP-Kernel

  • Laufen SAP EWM und MII nicht integriert im zentralen S/4HANA-System, kann dieses auch am Wochenende zwecks Wartung oder Upgrade heruntergefahren werden, ohne die Produktion zu beeinträchtigen.
  • Zentrale Upgrades ohne lokale Downtime zu organisieren, ist für mittelständische Unternehmen technisch oft zu aufwendig.
  • Höhere Flexibilität: Schaltet man nicht alle Produktionsstandorte gleichzeitig aus, kann man auf die Bedürfnisse der einzelnen Produktionsstätte besser eingehen.

Gute Gründe für Greenfield-Ansatz

Vom Umstieg auf die neue Produktgeneration S/4HANA im Greenfield-Ansatz versprach sich das mittelständische Unternehmen effizientere Prozesse, höhere Transparenz und bessere Möglichkeiten, auf Kundenanforderungen einzugehen. „Sicher hätten wir unsere technischen und prozessualen Probleme auch in einem Brownfield-Ansatz lösen können“, räumt Michael Moser ein. „Bei jeder Änderung gerät dann aber das Gesamtkonzept ins Wanken. Und wir wollten auch nicht fünf Jahre auf einer Baustelle leben.“

Käserei Champignon Hofmeister- Unternehmensgruppe

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Lauben bei Kempten (Allgäu) ist ein international agierendes Familien­unternehmen mit rund 1.000 Beschäftigten an fünf Stand­orten in Deutschland. Es ist führender Hersteller von Weichkäsespezialitäten und vertreibt seine Produkte in mehr als 55 Ländern.

Weltweit erstes Dairy-Add-on unter S/4HANA in Milchwirtschaft

So entstand ein komplett neues S/4HANA-System mit den klassischen Modulen Financial Management (FI), Controlling (CO), Sales & Distribution (SD), Materialmanagement (MM), Produktions- und Feinplanung (PP/DS) sowie weiteren Komponenten. Als erstes Unternehmen weltweit hat die Käserei auch das Dairy-Add-on für die Milchwirtschaft produktiv im Einsatz. Im S/4HANA-Core vertikal integriert sind zwei Subsysteme, jeweils separat für jeden Produktionsstandort: ein MES-System (SAP Manufacturing Integration and Intelligence (MII)) und ein Lager- und Versandsystem (SAP Extended Warehouse Management (EWM)). Den gesamten Shopfloor, vom Milcheingang bis zur fertigen Palette, steuert die Käserei damit über SAP.

Arbeitskreis S/4HANA

Mit seinen über 3.500 Mitgliedspersonen beschäftigt sich der Arbeitskreis u. a. mit den Vorteilen von S/4HANA für das Business sowie Fragen zu den entsprechenden Projekten, geeigneten Migrations­wegen und Auswirkungen auf bestehende SAP-Landschaften. Zudem werden im Austausch mit SAP offene Fragen zu S/4HANA-Funktionen und -Roadmap geklärt sowie gemeinsame Anforderungen an SAP diskutiert.

SAP EWM und MII müssen 24/7 funktionieren

Die Käserei Champignon Hofmeister entschied sich für einen dezentralen Einsatz von SAP EWM (by-side). Durch dieses Konstrukt sind die Produktions-, Kommissionier- und Lagerprozesse vor Ort unabhängig vom Geschehen im zentralen S/4HANA.
Auf der anderen Seite gilt es sicherzustellen, dass SAP EWM und MII am Standort 24/7 funktionieren. Ein solches „Zero-Downtime“-Szenario ist typisch für die Lebensmittelindustrie. In der Käserei Champignon wird die Milch rund um die Uhr angeliefert und muss zeitnah verarbeitet werden. Funktioniert dies an einem Produktionsstandort mal nicht, weil dort die produktionssteuernden IT-Systeme gewartet werden, springen die anderen ein – was aber nur klappt, wenn jeder Standort seine autarke EWM/MII-Landschaft betreibt.

Vorteile auf einen Blick

  • Wechsel auf das neue SAP S/4HANA-System optimiert Prozesse und ermöglicht bessere Geschäftssteuerung.
  • Gestiegene Transparenz: Auf Knopfdruck weiß die Produktion, welche Produkte aus welcher Milch von welcher Sammel-Tour hergestellt wurden (Rückverfolg­barkeit bzw. Traceability).
  • Durch die Automatisierung sind die Geschäftsabläufe stabiler, weniger fehler­anfällig und kostengünstiger.
  • Mit dem Milchmodul wurde die gesamte Kostenrechnung auf ein neues prozessorientiertes Kostenrechnungsmodell umgestellt: Dies erlaubt eine detailliertere Betrachtung der Kostenstruktur auf den unterschiedlichen Wertschöpfungsstufen.
  • Die Produktkalkulation fand früher außerhalb von SAP statt: Nun läuft sie inte­griert im neuen Dairy-Modul.
  • Die Reaktionsfähigkeit gegenüber Anforderungen von Partnern oder Kunden ist gestiegen: Wenn diese z. B. von Direkt- auf Plattformbelieferung oder Cross-Docking (vorkommissionierte Lieferung) wechseln wollen oder eine neue EDI-Datenanbindung wünschen, kann die IT darauf heute schneller eingehen.
  • Über die DSAG konnte sich die Käserei Champignon Hofmeister mit anderen Mitgliedern über einzelne SAP-Module und deren Erfahrungen damit austauschen. Hilfreich war auch der Dialog mit den SAP-Verantwortlichen, der über die entsprechenden Gremien der Anwendervereinigung stattfand.

Typische Stolperfallen

Eines hat Michael Moser in den letzten anderthalb Jahren gelernt: Fachabteilungen und auch die Geschäftsführung unterschätzen den Zeitbedarf für ein solches Migrationsprojekt leicht – selbst wenn man dort rechtzeitig die Ressourcen dafür anmeldet. Eine S/4HANA-Umstellung ist ein Prio-1-Projekt, dies kann man den Beteiligten nicht oft genug klarmachen. „Die Herausforderung ist, dass die Menschen, die man im Projekt benötigt, auch die Know-how-Träger im Tagesgeschäft sind“, weiß der IT-Leiter. „So war die Belastung insgesamt groß, aber diese Lernkurve muss offensichtlich jedes Unternehmen selbst immer wieder durchleben.“

Bildnachweis: Käserei Champignon + iStock + Daniella Winkler

Autor: Frank Zscheile
blaupause-Redaktion
blaupause@dsag.de